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Methode

Phasenmodell einer inklusiven Prototypenentwicklung in Präsenz

Bei welchen Alltagsaktivitäten wünscht sich die teilnehmende Gruppe Verbesserungen? Welche potenziellen Verbesserungsideen können digital erreicht werden? Das Phasenmodell beschreibt eine Workshopserie in Präsenz mit sechs Phasen, mit der eine Gruppe angeleitet werden kann, Probleme zu erkennen und zu beschreiben sowie Ideen und Lösungen zu entwickeln.

Ziel der Methode

Strukturieren des Ablaufes eines inklusiven Technikentwicklungsprozess in Präsenz

Phase
Altersgruppe 13-99
Gruppengröße 3-15
Sozialform Kleingruppe und Großgruppe
Dauer 6 Workshops à 2 Stunden.
Es ist ebenso möglich, die Phasen an ca. 2 Tagen hintereinander durchzuführen. Allerdings muss zwischen Phase 4 und 5 eine erste (ggf. technische oder papierbasierte) Prototypenentwicklung stattfinden.

Beschreibung

Bei welchen Alltagsaktivitäten wünscht sich die teilnehmende Gruppe Verbesserungen? Welche potenziellen Verbesserungsideen können digital erreicht werden? Das Phasenmodell beschreibt eine Workshopserie in Präsenz mit 6 Phasen, mit der eine Gruppe angeleitet werden kann, Probleme zu erkennen und zu beschreiben sowie Ideen und Lösungen zu entwickeln. Diese Phasen beinhalten diverse Methoden eines inklusiven partizipativen Gestaltungsprozesses durch die Gruppe bis hin zur Entwicklung eines ersten Prototypen durch die unterstützenden Techniker:innen.

Die sechs Phasen sind:

  1. Paper Function Mapping
  2. Ideengenerierung: Was nervt?
  3. Reflexionsgespräch der artikulierten Alltagsprobleme
  4. Validierung der Lösungsidee (dazwischen: Entwicklung eines ersten Prototypens durch unterstützende Techniker:innen)
  5. Spielen mit dem ersten Prototypen
  6. Entwicklung und Validierung eines ersten Prototypen

Durchführung

Vorbereitung
  1. Zeitbedarf und Interessen mit der Gruppe im Vorfeld abstimmen.
  2. (Vorbereitung muss nach der jeweils in der Phase vorkommenden Methodenbeschreibung durchgeführt werden)
Durchführung
  1. Alle sitzen um einen runden Tisch.
  2. Die Moderation bringt Materialien mit.
  3. Mithilfe der Materialien entwickelt die Gruppe je nach Phase Probleme, Ideen, Lösungsvorschläge oder bewertet erste Prototypen.
  4. Am Ende kann der erste Prototyp gezeigt werden, um die Lösung zu illustrieren. Er ist noch nicht voll funktionsfähig.

Hinweise zur Durchführung

Der Phasenprozess wurde beispielhaft mit einer Gruppe von 8-12 jungen Menschen mit Lernbehinderung im Rahmen einer Qualifizierungsmaßnahme durchgeführt. Er fand im Abstand von 14 Tagen statt und dauerte jeweils zwei Stunden. Es ist ebenso möglich, die Phasen an ca. zwei Tagen hintereinander durchzuführen.

Ablauf:

  1. Phase: Paper Function Mapping
    Zu Anfang wird mittels „Paper Function Mapping“ das technische Wissen der Jugendlichen ermittelt und erweitert. Mittels bereits existierender Geräte (z.B. Bügeleisen, Stereoanlage) sollen abstraktere Überlegungen angestellt werden, um so zu einer neuen Erfindung zu gelangen. Gleichzeitig werden so die verschiedenen technischen Möglichkeiten vorgestellt. Die Zuordnung (engl. „Mapping“) vom konkreten Gerät zu abstrakter Abbildung ist Kernbestandteil davon (z.B. vom CD-Player zum Musikhören). Es ist essenziell, dass die Teilnehmenden verstehen, dass die Abbildungen auf Papier abstrakte Repräsentation des echten Geräts sind. Dadurch wird eine Basis geschaffen, auf die das anschließende Prototyping aufbaut und mögliche neue Ideen entwickelt werden können.
  2. Phase: Ideengenerierung auf Basis von "Was nervt?"
    Um eine Ideengenerierung anzustoßen, wird die alltagspraktische Frage gestellt „Was nervt dich bei …. (z.B. bei der Arbeit)?“. Hier trifft z.B. einer der Teilnehmenden die Aussage, dass es ihn nervt, wenn ständig Leute in die Küche kommen und seine Arbeit unterbrechen, da dies seine Konzentration störe. Die eintretenden Personen würden meistens fragen, wo die Anleiter:innen der beruflichen Qualifizierungsmaßnahme zu finden seien. Es werden viele „Nervsachen“ berichtet und gesammelt und stichworthaft auf einem Flipchart festgehalten oder visualisiert.
  3. Phase: Reflexionsgespräch der artikulierten Alltagsprobleme
    Diese getätigten Aussagen werden im Reflexionsgespräch mit der Gruppe oder – falls notwendig – mit einer Bezugsperson der Gruppe und den Workshop-Moderator:innen aufgegriffen. Es wird eruiert, wie dieses Problem behoben werden könnte. Eine mögliche Lösung des artikulierten Problems (z.B. dass eintretende und nachfragende Personen die Konzentration stören), kann hierbei das eigenständige Rufen der Anleiter:innen durch die Qualifikant:innen sogar auch ein Lernziel der Qualifizierungsmaßnahme sein.
  4. Phase: Validierung
    Um herauszufinden, ob jener abgeleitete Bedarf auch für die anderen Teilnehmenden als potenziell relevant erachtet wird, sollte dieser in einer nächsten Phase auf Richtigkeit geprüft und die Problem- und Lösungsidee technisch spezifiziert werden. Diese Methode der Spezifizierung nennen wir „Behavior-Driven-Prototyping (BDP)“. Das BDP beantwortet die Frage „Wie lassen sich technische Lösungsideen aus einem gegebenen Bedarf prototypisieren?“ Die Moderator:innen schreiben hierfür zunächst das erfasste Problem auf eine Tafel: „Es nervt mich, wenn ich die Anleiterin suchen muss. Als Qualifikant in der Küche möchte ich die Anleiterin nicht suchen müssen. Denn ich möchte damit keine wertvolle Arbeitszeit verschwenden.“ So wird der Bedarf auf eine möglichst einfache Art vor den Augen der Teilnehmenden definiert und veranschaulicht. Auf einer anderen Tafel werden Prototyping-Karten aufgehängt, um anhand existierender Technologien technische Lösungsideen zu prototypisieren. Die Moderation versucht, Ideen zur Lösung des Problems herauszufinden: „Könnte es eine Lösung sein, dass ihr einen Knopf drückt, der die Anleiterin ruft, so wie eine Krankenschwester im Krankenhaus gerufen wird?“ In Zuge dessen werden die Teilnehmenden Folgendes gefragt: „Wenn ich einen Knopf drücke, dann geht eine Lampe – …?“. Eine der Teilnehmenden antwortet darauf „an“ oder „aus.“. Diese Aussage nutzen die Workshop-Moderator:innen, um die Gruppe zu fragen, ob sie wissen, wie dies das geschilderte Problem lösen könnte. Daraufhin wird überlegt, was für Eigenschaften das Rufsystem haben sollte und wie z.B. Reize (Töne, Licht) zum Rufen der Anleiter:in genutzt werden könnten. Fragen wie: „Soll das Licht flackern?“, „Soll das System einen Joystick haben?“ oder „Würdet ihr in ein Mikrofon rein sprechen?“ eignen sich.
  5. Phase: Spielen mit dem ersten Prototypen
    Um den Teilnehmenden die weiteren spezifischeren Überlegungen so anschaulich wie möglich zu gestalten, wird vor dem nächsten Termin ein erster Prototyp entwickelt, um haptisch und visuell die Funktionen und möglichen Hürden besser greifbar zu machen. Im Beispielfall bestand dieser Prototyp aus einem Knopf (Sendegerät) und einem aufleuchtenden Licht (Empfängergerät), wenn der Knopf gedrückt wird. Zur weiteren Visualisierung kann das Vorgehen „gespielt“ werden. Die hier am Problem beteiligte Anleiterin hält den Prototypen des Empfängergeräts in der Hand. Die Teilnehmenden überlegen gemeinsam mit den Workshop-Moderator:innen, wo der Knopf am besten platziert werden sollte, damit er möglichst für alle Beteiligten erreichbar ist. Alle gehen gemeinsam durch die Arbeitsbereiche, und die Workshop-Moderator:innen fragen die Gruppe, wo der Knopf am besten platziert werden solle. Es kommt zu Äußerungen wie z.B.: „Lieber an der Wand. Da würde es keinen stören.“ Daraufhin hält der Moderator das Sendegerät an die Wand. Dann wird gemeinsam ausgetüftelt, welche Höhe oder Ort für alle passend wäre. Durch das BDP, welches u.a. sowohl das Testen des Prototypen als auch die Verknüpfung einer Idee bis hin zur Prototypisierung umfasst, können weitere notwendige Funktionen und Gegebenheiten für den Prototypen erhoben werden. Dadurch kann mit dem BDP die Schwelle zur Partizipation bei der Technikentwicklung verringert werden. Allerdings erfolgt dies hier nicht vollumfänglich, da die technischen Lösungsideen der Teilnehmenden durch die unterstützenden Techniker:innen umgesetzt werden müssen (Hardware verdrahten und Software programmieren).
  6. Phase: Anpassung des Prototypen
    Mit den Anregungen der Teilnehmenden soll der Prototyp in einem nächsten Schritt an jene erfassten Voraussetzungen angepasst werden und erneut mit den Teilnehmenden erprobt werden.

Schematische Darstellung des Phasenmodells
Schematische Darstellung des Phasenmodells

Anpassung

Phase 1 (Paper-Funktion-Mapping) kann je nach Wissenstand und Abstraktionsvermögen der Teilnehmenden angepasst werden und ggf. verkürzt durchgeführt werden.